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BGL Pressemeldung: Vorschläge zum Verkehrsdirigismus in der Schweiz

Eisenbahnnostalgie unter dem Deckmantel des Umweltschutzes

Frankfurt am Main, 15.02.2011:

Der Gotthardbasis-Eisenbahntunnel in der Schweiz soll 2016/2017 eröffnet werden. Die Schweizer „Alpen-Initiative"
- 1989 gegründet mit der Zielsetzung, das Alpengebiet vor den „negativen Auswirkungen des Transitverkehrs zu schützen" - schlägt in diesem Zusammenhang vor, den Gotthard-Straßentunnel nicht wie (unter anderem aus Sicherheitsgründen) geplant mit einer zweiten Röhre zu versehen, sondern den Straßentunnel für Lkw komplett zu sperren. Stattdessen sollten dann jährlich 500 000 Lkw, die nach „Inkrafttreten" der Obergrenze von jährlich 650 000 alpenquerenden Lkw noch den Gotthard anfahren, vor dessen Erreichen auf eine „Kurz-RoLa" verladen und zwischen Erstfeld und Biasca per Schiene unter dem Gotthard hindurch transportiert werden.
 
Der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) e.V. sieht diesen Vorschlag nicht nur als realitätsfremd, sondern darüber hinaus als wirtschaftlich wie ökologisch sowie aus Sicherheitsüberlegungen kontraproduktiv an. Zum einen würden durch die Taktfrequenz von drei Kombizügen pro Stunde rund 20 bis 30 Prozent der Kapazität im Gotthard-Eisenbahntunnel für ökologisch unsinnige Transporte verbraucht. Bis zu dem geplanten Zeitpunkt werden Lkw aufgrund bis dahin noch weiter abgesenkter EU-Grenzwerte nur noch 2 - 3 % der Schadgase emittieren, die sie zum Zeitpunkt der Gründung der Alpen-Initiative ausgestoßen haben. Zudem ist die CO2-Bilanz extrem kurzer kombinierter Verkehre über die RoLa gegenüber ungebrochenen Straßenverkehren negativ: Energieverbrauch und CO2-Emissionen sind bei dem derzeitigen Energiemix der Stromerzeugung nicht vorteilhaft für den Schienenverkehr. Der populistische Vorschlag lässt außerdem das primäre Ziel aus dem Blickfeld geraten, kombinierte Verkehre über lange Distanzen zu organisieren und den Vor- und Nachlauf zum Schienenverkehr kurz zu halten. Die Schweizer Vorschläge sind insoweit eine „verkehrte Welt", weil die europäische Langstrecke über die Straße erfolgt und ein „Ministück" des Transports auf die Schiene zwangsumgeleitet wird. „Das ist ökologischer und ökonomischer Unfug in niemals dagewesenen Dimensionen, für die der Schweizer Steuerzahler und die Nutzer von Verkehrswegen in der Schweiz gleichermaßen belastet werden sollen", meint BGL-Hauptgeschäftsführer Prof. Dr. Karlheinz Schmidt.
 
Der BGL erinnert im Übrigen daran, dass die Schweiz in hohem Maße von Assoziierungsabkommen mit der EU profitiert. Schweizer Bürgerinnen und Bürgern und der Schweizer Wirtschaft werden viele Sonderprivilegien eingeräumt, die anderen Drittstaaten verwehrt sind. Selbst im Verkehrsabkommen EU/Schweiz hat die EU hinsichtlich des Alpentransits erhebliche Zugeständnisse an die Schweizer Verkehrspolitik gemacht. Im Gegenzug hat die Schweiz der EU eine freie Wahl der Verkehrsmittel im Alpentransit zugesichert. Die Schweizer Politik sollte es sich sehr wohl überlegen, ob sie für eine pseudogrüne Verkehrspolitik den Bruch eines für sie vorteilhaften Abkommens auf das Spiel setzt. Sollte die EU mit einer strikt am Schweizer Muster orientierten Verkehrspolitik antworten und die Güterverkehre der Schweiz im europäischen Transit auf die Schiene zwingen, dürfte es nicht nur teuer für die Schweizer Bürger und Wirtschaft werden, weil die geografische Lage der Schweiz nicht dazu angetan ist, überzogene Forderungen zu stellen.